Wie kann die soziale Welt im Sinne des ganzen Menschenwesens – und nicht einseitiger Teilinteressen – gestaltet werden?
Der keimhafte Ausgangspunkt ist, auf welche Weise jeder Mensch in der Welt darinnen steht. Das geschieht in drei Ebenen auf jeweils unterschiedliche Weise:
- Mit einer Wesensebene gehören wir ganz der Natur, der Erde an. Mit ihr sind wir notwendig in einem Austausch, um leben zu können. Wir benötigen und bekommen Stoffe, um sie zu verarbeiten und daraus Eigenes produzieren zu können.
Damit sind wir von unserer Umgebung abhängig und sind auf dieser Ebene vor allem empfangende, bedürftige Wesen.
Unser LEIB ist dessen Ausdruck.
- In der entgegengesetzten Wesensebene haben wir uns der Natur entzogen. Im Reflektieren der Zusammenhänge haben wir uns im Denken über sie erhoben. Erkenntnisse und Ideen geben uns nicht nur ein Bewusstsein, sondern auch ein Selbstbewusstsein. Damit leben wir in der Ideen- oder Geistwelt, aus der wir schöpfen können.
Auf dieser Ebene sind wir unabhängig und gebende, schenkende Wesen.
Das ermöglicht unser GEIST.
- Die mittlere Ebene zwischen den beiden Polen bildet eine harmonisierende Innerlichkeit, die vereint, aber auch klärend ordnet. Sie wirkt als ein eigenes Leben, zwischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit, zwischen Freiheiten und Verpflichtungen.
Mit dieser Mitte sind wir mündige, eigenständige Wesen, die sich in unserer SEELE repräsentiert.
Die entsprechenden Erscheinungsformen im Leben sind
- auf der charakterisierten Ebene des Leibes unsere BEDÜRFNISSE
- auf der Ebene des Geistes unsere FÄHIGKEITEN
- und auf der Wesensebene der Seele unser EIGEN-SEIN
Somit ist jeder Mensch in 3 Lebensebenen differenziert, dennoch aber eine Einheit, denn die Ebenen stehen in einer Wechselbeziehung zueinander.
Sie brauchen und geben einander:
- Je mehr die Bedürfnisse erfüllt sind, desto besser können auch Ideen fließen
- Je mehr Ideen geschenkt werden, desto besser findet man Wege, wie die Bedürfnisse befriedigt werden können
- Je besser Leib und Geist wirken, desto stabiler wird das Eigensein sich entfalten
- Je stärker und ordnender das Eigensein ist, desto besser können die Einseitigkeiten von Bedürfnissen und Fähigkeiten in Harmonie gebracht werden
Nun ist aber der Mensch an sich auch differenziert in die verschiedenen Menschen dieser Welt. Sie sind alle individuell eigenständig, aber doch alle mit denselben 3 Ebenen in diese Welt gestellt.
Es ist für jeden Einzelnen am besten, aber auch für alle zusammen, wenn sie ihren Ebenen entsprechend leben können, also für alle anderen das Gleiche gilt wie für den Einzelnen:
- Die Bedürfnisse des Einzelnen benötigen zur Befriedigung etwas von den Mitmenschen. Der Mitmensch ebenso etwas von den einzelnen Anderen.
Wir sind gegenseitig aufeinander angewiesen, wenn niemand benachteiligt sein soll.
Dieses gegenseitige Bewusstsein und für einander Sorgen steht unter dem Ideal der BRÜDERLICHKEIT in der Bedürfnisbefriedigung
- Die Fähigkeiten der Einzelnen werden umso fruchtbarer, je mehr sie ohne Einschränkung einander geschenkt werden können.
Hier wirkt am besten die ideale Bedingung der
FREIHEIT in der gegenseitigen Förderung und Zusammenarbeit
- Damit jede/r Einzelne in ihrem/seinem Eigen-Sein nicht benachteiligt wird und ein harmonischer Ausgleich sich bilden kann, gilt als Zielvorstellung das
Ideal der GLEICHHEIT in der Vereinbarung von Rechten und Pflichten.
Damit kann jede auch kleine soziale Alltagssituation im Sinne der sozialen Dreigliederung erkannt und entsprechend fruchtbar gestaltet werden, da überall Fähigkeiten, Bedürfnisse und das zu wahrende Eigensein zutage treten und entsprechend behandelt werden wollen!
Bei Steigerung des Umfangs und der Komplexität der Situationen sind zusätzliche Regelungen ganz im Sinne der oben genannten Ausgangsbedingungen zu entwickeln.
Noch deutlicher wird das Heilsame der ausgewogenen dreifachen sozialen Differenzierung anschaulich, wenn sich zeigt, welche gravierenden soziale Nöte und Probleme bei den unbedachten oder absichtlich herbeigeführten Vereinseitigungen entstehen:
- Wird die Bedürfniserfüllung einseitig auf Kosten anderer betrieben, so steht die GEWINNMAXIMIERUNG einzelner oder einzelner Gruppen im Vordergrund.
Es kann auch dominierend der bewusste Schwerpunkt lediglich auf die wirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung gelegt werden, wie das dann in einzelnen Zusammenhängen oder auch gesamtgesellschaftlich in einem KAPITALISTISCHEN SYSTEM vorherrscht.
- Sofern die Freiheit in der gegenseitigen Förderung zu Gunsten nur bestimmter Ideen eingeschränkt wird, liegt das soziale Problem der FREMDBESTIMMUNG vor.
Das Beherrschen einer Gemeinschaft oder Gesellschaft lediglich aus der Ebene der geistigen Ideen und Impulse zeigt sich in der THEOKRATIE eines ideologischen Systems.
- Suchen einzelne Menschen oder Menschengruppen das gleichberechtige Eigensein aller Menschen zu negieren und zu ihren Gunsten zu beeinflussen, so geht es auf dieser Ebene um MACHTAUSÜBUNG.
Wird das Leben dominierend nur von der rechtlichen Ebene aus gesteuert, so zeigt sich das System der PARTEI-VORHERRSCHAFT, wie z.B. im Kommunismus.
Zur weiteren Entwicklung der heilsamen sozialen Keime stellen sich u.a. die Fragen:
- Wie können Bedürfnisse, Fähigkeiten und die Eigenständigkeit der Menschen bewusster erkannt, anerkannt und in ein Gleichgewicht gebracht werden?
- Wie kann das Brüderliche in der Bedürfnisbefriedigung, der Freiheitsraum in der Zusammenarbeit und die Gleichheitsvoraussetzung in den Vereinbarungen in allen Situationen gesteigert werden?
Beitrag von Walter Waldherr
im Jänner 2023
anlässlich einer Zusammenkunft der Gruppe/des Zweiges „Kreuzpunkt – Gruppe für soziale Entwicklung e. V.“,
einer Gruppe auf sachlichem Feld der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
auf Grundlage des Buches von Christof Lindenau:
„Soziale Dreigliederung: Der Weg zu einer lernenden Gesellschaft“
Verlag Freies Geistesleben
